Die Psychokratie

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"Die Welt ist überbevölkert. Nahrung kann nur noch durch eine unizentrale Planwirtschaft produziert und gerecht verteilt werden. Neben synthetischen Nahrungsmitteln werden im Wesentlichen Leichen zu Lebensmitteln verarbeitet. Die Märkte der real existierenden Konsumgüter sind weitestgehend zusammengebrochen. Der materielle Wohlstand ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Häuser, Straßen und die Menschen selbst zerfallen und verwahrlosen.

Psychopharmaka, Maskone und Wissenspillen
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Daher kommen Maskone zum Einsatz, die in ihrer Wirkung eine Welt suggerieren, die angenehm zu betrachten ist. Zudem werden Psychopharmaka versprüht, die ein größtenteils friedliches Leben erzwingen. Sie ergänzen die "Welt der schönen Dinge". Maskone sind demnach hochqualitative Halluzinogene. Bis auf eine Pharma- und Futorologen-Elite, wird der gesamten Menschheit eine Basis-Halluzination geschaffen. In ihr werden Strohmatten zu Parkettböden, Schimmel an den Wänden zu Freskenmalereien, rostige Fahrräder zu Luxuskarosserien. Auf dieser Basis-Halluzination werden dem Individuum eine Vielzahl von Psychopharmaka, Maskonen und Wissenspillen angeboten, mit denen es sein Leben nach seinen rest-individuellen Bedürfnissen gestalten kann. Gefühle werden auf Knopfdruck produziert. Luxus wird in jeder Form eingebildet möglich. Spontanität verlagert sich hin zu der Entscheidung, welche Pille nehme ich in diesem Augenblick. Die bevorstehende Emotion ist dabei bereits fest eingeplant und kann kaum verfehlt werden. Sogar die Teilung der Persönlichkeit kann erzwungen werden, damit man einen interessanten Gesprächspartner erhält. 

Die Psychokratie ist somit der Tod der Subkulturen. Zwar gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, sein Leben farbenfroh zu individualisieren, sogar Prostest und Wut auf die Sekunde genau zu programmieren, jedoch sind dies nur vorübergehende Zustände, die kaum auf die Interaktion mit dem Mitmenschen abgestimmt werden sollen. Der Protest finden weitestgehend isoliert statt und ist zur Unterhaltung gedacht. Eine Subkultur dagegen lebt von einem Lebensgefühl, welches sich bewusst gegen die „zentralen Normen“ ausrichtet oder zumindest abkapselt. Dabei spielt das Zusammenwirken mit Gleichgesinnten eine zentrale Rolle. Es wird durch bestimmte Musik, Kleidung, Philosophie etc. begleitet, ein Lebensgefühl wird zur Alternative zur herrschenden Mehrheitskultur. Davon kann in einer Psychokratie nicht mehr die Rede sein, schließlich werden bereits zentrale Aspekte des Lebens durch die Basis-Halluzination festgelegt, grundsätzlich wird jede Art des Revoltieren unterbunden und es geht den Menschen fortan nur noch um Stimmungen, die mehr aus dem Bedürfnis nach Unterhaltung als aus festen Positionen heraus künstlich produziert werden. Zudem besteht eine allgemeine Befürwortung der  zentralen Kultur, der Basis-Halluzination. Insgesamt werden pro Erdenbewohner durchschnittlich 190 Kilogramm psychoaktiver Substanzen jährlich aufgenommen.

Ohne Basis-Halluzination

realer Zustand in der Psychokratie
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Mit Basis-Halluzination

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