Gothic - mehr als Memento Mori

Gothic beim Tanzen
© Alexander Wihlidal / pixelio.de

Steckbrief Gothic

Herkunftsland: Großbritannien / London

Hochphase: 1980er bis 1990er

Synonyme: Gothic Rock, Goths (wird von Anhängern mitunter abgelehnt), Schwarze Szene (umstrittener Begriff: Kritiker dieses Begriffs argumentieren, er bezeichnet eine Ansammlung von Anhängern vieler Subkulturen)

Außenbezeichnungen:  Gruftis (war eine Zeit lang von Anhängern akzeptiert, bezeichnet aber eher eine Splittergruppe des Gothic), Schwarze, Waver, Goten (irreführend genauso wie Gotik), Positive Punk (in der Musik-Dabatte), Ghouls oder Darks (Ostberlin), die Krähen (Nordrhein-Westfalen), Dark Wave (findet man häufig als Überbegriff, auch Dark-Wave-Szene)

typische Vorurteile: Opferritualismus, Todessehnsucht, Rechtsradikalismus, Satanismus, Mittelalterfreaks

Vorbilder: Gothik-Punk, Gothik-Rock, Punk, New Wave, Dark Wave, Schwarze Romantik, Fin de siècle,  Viktorianische Zeitalter, die Gründerzeit, Gothic Novels (Schauerromane), Jugendstil, Renaissance

Verwandte Subkulturen: Punk, New Wave, Post-Punk

Einstellung/Fokus:

  • Sehnsüchten entgegen leben
  • Wahrnehmung von Tod (Memento Mori), Leid, Trauer(keien Trauerkultur) und Vergänglichkeit
  • Ästhetik bis zur Selbstinszenierung (hedonistisch-ästhetisch)
  • Berücksichtigung der möglichen Sinnlosigkeit des Lebens
  • schauriges Genieße
  • kein direkter Bezug auf das Mittelalter (von Außen fehlinterpretiert), jedoch mitunter Erzeugung von Atmosphäre durch ein romantisiertes Bild vom Mittelalter
  • Retroperspektive
  • keine einheitliche Programmatik in Sachen Politik, Religion und Philiosophie
  • Reinkarnationsgedanken als legitime Ansicht

Abgrenzung: zu den modisch ähnlich gekleideten Visual Kei

Splittergruppen: Batcave oder Gothic Punk (frühe Form des Gothic oder Gothic Rock), Grufti-Szene, Schwarzromantiker, Endzeitromantiker

innerere Konflikte: Kommerzialisierung, Alteingesessenen kritisieren den Verfall der ursprünglichen Sehnsüchte, jüngere Anhänger der Szene würden lediglich das Styling im Auge haben (werden mitunter als "Pseudos" und "Fakes" empfunden), da Gothic von der Ambivalenz lebt, Ästhetik aber auch zur Schau gestellten Überzeugungen zu vereinen, werden reine Ästhetiker von den "Alten" nicht als Gothic angesehen

bekannte Vertreter:

Musik: Gothic Rock, Positiv Punk, New Wave, aus dem Dark Wave-Umfeld (Cold Wave, Ethereal, Neoklassik, Neue Deutsche Todeskunst, Elektro Wave), Punk und Post Punk (Death Rock, Horrorpunk, Gothabilly, Depro-Punk, Minimal Electro), Punk Rock / aber auch: Post-Industrial, Avantgardistisch-experimentelle Musik (Doom Industrial, Neofolk, Dark Ambient, Ritual), Shoegazing (Slowdive), Mittelalter inspirierte Musik (Sarband, Estampie)

Erscheinungsbild/Symbolik: keine Ästhetisierung des Hässlichen, vielmehr die "Glamourisierung des Horrors", Todessymbolik, nahezu aristokratisch, eklektische Kleidungskompositionen (Rokoko, Barock, Jugendstil, Renaissance, usw), unnahbar, elitär, schwarz bekleidet (aber auch Elemente in Blau, Violett, Weiß oder Bordeaux-Rot), hager, bleich geschminkt (Leichenblässe oder Viktorianische Ästhetik), Kajal, Ornamente, schwarz lackierte Fingernägel, Gothic Fiction, Frisuren dem Punk und Wave entlehnt (Tellerminen,Trauerweidenfrisuren, Irokesenschnitt, Undercut) aber auch Frisuren vergangener Epochen, Risse und Löcher in Strumpfhosen, religiöse, okkulte oder esoterische Symbole als Schmuck (Silber), Armreifen, Nieten, Piercings, Vestons, Buttons, Netzhemden, Lederjacken, Lederhosen, Rüschenhemden, Talare, Dolmane, Kostüme, Pikes und Pumps, Fracks, Kragenhemden, Hexenhüte, Hennins, Corsagen, Vollbrustkorsetts und Miedergürtel, Reifröcke usw. usw. ..., enorme Vielfalt an modischen Formen

typische Verhaltensmerkmale/Rituale:

  • Selbstinszenierung vornehmlich durch Styling und Rollenspiel
  • "tageslichtscheu"
  • "spielerischer Okkultismus"
  • stark individualisierte Ästhetik
  • friedlich
  • periodischer Rückzug an "Orte der Stille"
  • ironisch, mitunter humoristisch
  • ambivalentes Auftreten
  • existenzphilosophisch (das Subjekt ist das einzig Absolute)
  • Ernsthaftigkeit und Nachdenklichkeit
  • keine Paar- und Gruppentänze
  • "Halloween-Deko" im Wohnraum